„Es zeigt sich, dass ein starkes Team und ein klar strukturierter Ansatz auch in schwierigen Situationen entscheidend sind“
bauelemente bau im Gespräch mit Fekke van Dijk, Geschäftsführung VBH Deutschland und Lubomír Boháč, Geschäftsführer der VBH Holding GmbH
Fekke van Dijk (l.) und Lubomír Boháč. Fotos: bauelemente bau
Nach Jahrzehnten als etablierter Anbieter im Beschlaghandel befindet sich die VBH Deutschland GmbH seit April 2025 in einem Insolvenzverfahren in Eigenverwaltung. Wir sprachen mit Geschäftsführer Fekke van Dijk und Holding-Geschäftsführer Lubomír Boháč darüber, wie die Abwicklung organisiert wurde, welche Maßnahmen getroffen wurden, um Kunden und Lieferanten zuverlässig zu betreuen und welche Rolle die Mitarbeitenden in dieser Phase spielen. Dabei wird deutlich, wie wichtig strukturiertes Vorgehen, Zusammenarbeit und Verantwortungsbewusstsein für einen geordneten Abschluss des Unternehmens sind.
Herr van Dijk, Sie sind 2024 zur VBH Deutschland gekommen. Wie haben Sie Ihren Einstieg gestaltet?
van Dijk: Für mich stand am Anfang das Kennenlernen und Zuhören. Ich kannte die VBH natürlich schon länger als Lieferant, wollte die Menschen und das Unternehmen wirklich verstehen. Deshalb habe ich alle Niederlassungen besucht, mich persönlich vorgestellt und viele Gespräche geführt – mit Mitarbeitenden, Führungskräften und Kunden. Es war mir wichtig, offen aufzutreten und Vertrauen aufzubauen. Parallel haben wir mit der Analysephase für eine strategische Neuausrichtung begonnen. Dazu haben wir, neben mehreren internen Workshops, auch rund 50 Kundeninterviews geführt, um ein genaues Bild davon zu bekommen, wie die VBH Deutschland im Markt wahrgenommen wird. Daraus entstanden auch schon konkrete Maßnahmen, die wir direkt umgesetzt haben – etwa zur Verbesserung von Abläufen, im Vertrieb und in der Kommunikation. Zusätzlich haben wir im Februar ein Management-Camp durchgeführt, um den Austausch innerhalb der Führungsebene zu stärken. Diese intensiven persönlichen Kontakte waren für mich entscheidend für den späteren Prozess.
Herr van Dijk, Herr Boháč, das Insolvenzverfahren der VBH Deutschland GmbH hat in der Branche für viel Aufmerksamkeit gesorgt. Was waren die ausschlaggebenden Gründe?
van Dijk: Es gab viele Themen, die immer wieder erkannt, aber nie konsequent angegangen wurden. Dazu gehörten eine zu starke Fokussierung auf den Beschlaghandel und das Fehlen einer einheitlichen strategischen Linie. Wir wollten die VBH Deutschland neu ausrichten, konnten die Gesellschafter aber letztlich nicht für diesen Weg gewinnen. Gleichzeitig hat das schwierige Marktumfeld den Druck erhöht: Die Baukonjunktur ist schwach, Materialkosten und Zinsen haben sich erhöht und die Nachfrage im Neubau wie in der Sanierung bleibt verhalten.
Boháč: Das Ergebnis war eine Situation, in der trotz motivierter Mitarbeitenden die wirtschaftlichen Ziele nicht in angemessener Zeit erreichbar schienen. Es fehlte weniger am Engagement als an stabilen Rahmenbedingungen im Markt. Wir waren als Führung der Gruppe stets in engem, vertrauensvollem Austausch mit unseren Gesellschaftern und haben am Ende gemeinsam die Entscheidung getroffen, kein weiteres Geld für die Restrukturierung der VBH Deutschland bereit zu stellen. Das Risiko, aufgrund des fortgeschrittenen Krisenstadiums und des aktuellen Marktumfelds zu scheitern, war einfach zu groß und wir tragen auch Verantwortung für die restlichen Mitarbeiter im Konzern.
Das Amtsgericht Ludwigsburg hat am 1. Juli 2025 das Verfahren in Eigenverwaltung eröffnet. Warum haben Sie sich bewusst für dieses Modell entschieden?
van Dijk: Es war die unsererseits favorisierte Lösung. Wir wollten uns alle Optionen offen halten, die VBH Deutschland zu retten und den Geschäftsbetrieb so lange wie möglich geordnet fortzuführen, um für Kunden, Lieferanten und Mitarbeitende Planungssicherheit zu schaffen. Die Eigenverwaltung bot die Möglichkeit, Ruhe in das Verfahren zu bringen und wenn nötig, die Abwicklung strukturiert anzugehen.
Über Monate wurden Gespräche mit potenziellen Investoren geführt. Was waren die größten Hürden, die einer Übernahme im Weg standen?
van Dijk: Es gab grundsätzlich viel Interesse. Vorteilhaft war, dass wir bereits vorher die Strukturen analysiert hatten. Am Ende blieb jedoch nur ein ernsthafter Investor, der das gesamte Unternehmen übernehmen wollte. Seine finanzielle Basis reichte nicht aus, um die VBH Deutschland langfristig zu stabilisieren. Es bestanden daher allseits Zweifel, ob die Rettung nachhaltig ist.
Boháč: Anfangs gab es auch Anfragen für einzelne Geschäftsbereiche, etwa Logistik, Sortiment oder die Eigenmarke greenteQ. Teilweise hatten wir den Eindruck, dass Investoren eher Informationen sammeln wollten, ohne echtes Übernahmeinteresse.
Wie sah der Fahrplan für die letzten Monate konkret aus – welche Maßnahmen müssen noch getroffen werden?
van Dijk: Wir haben zusammen mit der auf Insolvenzen spezialisierten Beratungsgesellschaft allea consult ein Projektmanagement-Team eingesetzt, das die gesamte Stilllegung steuert. 14 Standorte in Deutschland werden schrittweise abgewickelt. Der aktive Verkauf lief noch bis November 2025, Auftragseingänge haben wir weiterhin angenommen, sofern es sich um lagerhaltige Ware handelte. Schritt für Schritt haben wir unsere Produkte auch preislich angepasst, mit Sonderangeboten und Rabatten, um den Abverkauf zu unterstützen. Gleichzeitig unterstützt ein Abwicklungsteam, das noch bis Ende des ersten Quartals 2026 an Bord ist, die Überleitungen von Funktionen und Strukturen in die Gruppe.
Boháč: Parallel kümmerten wir uns um die IT-Struktur, Datenmigration und technische Themen wie CE-Kennzeichnung. Wichtig war uns von Anfang an: Die Situation in Deutschland darf die internationalen Gesellschaften nicht beeinträchtigen. Das ist gelungen – die Abläufe im Ausland laufen stabil weiter.
Welche Vorkehrungen wurden getroffen, um die Belieferung der Kunden bis zum Schluss zuverlässig sicherzustellen?
van Dijk: Das war nur möglich, weil die Mitarbeitenden mit großem Einsatz und Verantwortungsbewusstsein geblieben sind. In den ersten drei Monaten der Eigenverwaltung gab es nur 23 Eigenkündigungen. Das Team ist in dieser Phase enger zusammengerückt – man kann wirklich stolz sein, wie alle zusammenarbeiten, sich gegenseitig unterstützen und an einem Strang ziehen. Trotz der herausfordernden Situation konnten alle Auftragseingänge termingerecht bearbeitet werden.
Boháč: Parallel dazu haben wir eng mit unseren Lieferanten zusammengearbeitet. Die Gespräche verliefen konstruktiv und lösungsorientiert, wir konnten gemeinsam sicherstellen, dass Lieferketten stabil bleiben und offene Aufträge erfüllt werden. Besonders wichtig war dabei, dass alle Beteiligten transparent über die Situation informiert wurden und realistische Erwartungen an Lieferzeiten und Verfügbarkeiten hatten.
Rund 450 Mitarbeitende sind von der Stilllegung betroffen. Wie verliefen die Verhandlungen mit dem Betriebsrat und welche Lösungen wurden gefunden?
van Dijk: Wir haben viele Abstimmungsrunden mit dem Betriebsrat durchgeführt und gemeinsam einen detaillierten Fahrplan für alle Beteiligten entwickelt. Das herausforderndste Thema war dabei eine gerechte Lösung für die Mitarbeitenden, da mir ihr Wohl besonders am Herzen liegt – das hat mich persönlich am meisten beschäftigt. Gemeinsam mit dem Betriebsrat und erfahrenen Beratern haben wir einen klaren Fahrplan erarbeitet. Die Lösung mit einer Transfergesellschaft stellt sicher, dass die Löhne weitergezahlt werden und die Mitarbeitenden Unterstützung bei der beruflichen Neuorientierung erhalten. Für die Kolleginnen und Kollegen, die kurz vor dem Ruhestand stehen, haben wir spezielle Übergangsangebote entwickelt.
Boháč: Wir haben einen Transfersozialplan angeboten, der die finanziellen Ansprüche und Absicherungen der Mitarbeitenden regelt. Zusätzlich werden Prämien ausgezahlt, wenn bestimmte Abverkaufsziele erreicht werden. Besonders positiv wird von den Mitarbeitenden aufgenommen, dass Fekke van Dijk den gesamten Prozess aktiv begleitet und die Abwicklung verantwortungsvoll steuert. Beeindruckend ist, wie das Team in dieser Phase zusammengewachsen ist: Viele haben sich bereit erklärt, bis zum Schluss an einem Strang zu ziehen, übernehmen zusätzliche Verantwortung und unterstützen die Abwicklung aktiv. Ihr Engagement, ihr Zusammen-halt und ihre Professionalität erleichtern den geordneten Ablauf erheblich.
Die VBH-Gruppe ist international in mehr als 20 Ländern aktiv. Welche Auswirkungen hat die deutsche Insolvenz auf die Auslandsgesellschaften?
Boháč: Rund zwei Drittel unseres Geschäfts entfällt auf Auslandsgesellschaften, die profitabel sind. Anfangs gab es Verunsicherung bei Lieferanten, die wir jedoch durch persönliche und offene Kommunikation zerstreuen konnten. Strukturen und Abläufe funktionieren reibungslos, und die bestehenden Kundenbeziehungen werden zuverlässig bedient. So bleibt das Verfahren in Deutschland und auf die internationale Gruppe ohne negative Auswirkungen.
Welche Rolle wird die Eigenmarke greenteQ künftig inner-halb der internationalen Gruppe spielen?
Boháč: In Deutschland übernimmt die Firma esco Teile des greenteQ-Sortiments, während weitere Produkte über unseren Standort in Polen vertrieben werden. Im Ausland bleibt die Marke unverändert bestehen. Wir stellen sicher, dass die Belieferung international stabil weiterläuft und Kunden weiterhin auf die gewohnte Qualität und Verfügbarkeit vertrauen können.
van Dijk: greenteQ ist eine ausgesprochen starke Marke – nicht nur wegen des Namens und der Assoziation mit Nachhaltigkeit, sondern auch wegen der konstant hohen Qualität. Wir haben es geschafft, die Marke über 16 Jahre erfolgreich im Markt zu etablieren. Sie bleibt ein zentraler Erfolgsfaktor für die gesamte Gruppe und wird auch künftig strategisch weiterentwickelt.
Welche Lehren ziehen Sie aus dem Insolvenzverfahren für die strategische Ausrichtung der gesamten VBH-Gruppe?
Boháč: Wir müssen die Gruppe als Ganzes im Blick behalten und Prozesse schneller und klarer gestalten. In großen Organisationen dauert die Umsetzung oft zu lange. Die Auslandsgesellschaften sind wie gesagt profitabel, werden aber fortwährend und gezielt weiter-entwickelt. Jede Herausforderung bietet die Möglichkeit, Prozesse und Strukturen zu verbessern. Digitalisierung, Datenmanagement, Servicequalität und Nachhaltigkeit gewinnen weiter an Bedeutung. Mit konsequenter Umsetzung kann die Gruppe gestärkt aus der Situation hervorgehen. Und dies immer aufbauend auf ein stabiles Gesellschafterfundament, die uns in der Gruppenführung vollstes Vertrauen schenken.
van Dijk: Es zeigt sich, dass ein starkes Team und ein klar strukturierter Ansatz auch in schwierigen Situationen entscheidend sind, um ein geordnetes und professionelles Vorgehen zu gewährleisten.
Herr van Dijk, Herr Boháč, vielen herzlichen Dank für das Gespräch!
Dieses Interview lesen Sie auch in unsere Jubiläums-Ausgabe, die am 8. Januar erschienen ist, auf den Seiten 149 bis 152.
Die Homepage der VBH können Sie über diesen Link erreichen.
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