28. April 2026

Konzepte an der Schnittstelle von Forschung und Praxis

bb-Nachbericht: Fachdialog Fassadenplanung „Zukunft Fassade“

Der Fachdialog Fassadenplanung stieß mit über 500 Teilnehmenden auf großes Interesse – sowohl im Next Studio als auch im Livestream. Foto: Mediashots / Wicona

Ob energetische Performance, Klimaanpassung, Materialeffizienz oder Biodiversität: Die Gebäudehülle ist längst zu einem zentralen Baustein der Transformation des Bauens geworden. Der hybride Fachdialog Fassadenplanung „Zukunft Fassade“, der am 21. April 2026 im Next Studio in Frankfurt mit insgesamt über 500 Teilnehmenden stattfand, spannte eindrucksvoll den Bogen von aktueller Forschung zur gebauten Praxis. Dabei wurde deutlich, wie aus Konzepten konkrete, zukunftsfähige Fassadenlösungen entstehen.

Zum Auftakt der von Wolfgang Häußler, Geschäftsführer des Fachverbandes Baustoffe und Bauteile für vorgehängte hinterlüftete Fassaden e.V. (FVHF) moderierten Veranstaltung stellte Prof. Ulrich Knaack von der TU Delft aktuelle Forschungsprojekte aus seinem internationalen Netzwerk rund um die TU Delft und die TU Darmstadt vor. Dabei ordnete der renommierte Experte die Entwicklung von Fassaden in den vergangenen Jahren ein und beleuchtete dabei unter anderem Energieperformance und -gewinnung, graue Energie und CO2-Impact. Die vorgestellten Beispiele reichten von Freiformfassaden über unkonventionelle Materialien wie Papier bis hin zu neuen Fertigungsmethoden wie dem 3D-Druck von Glas- und Holzelementen.

Im Anschluss rückte die Begrünung von Gebäudehüllen in den Fokus. Dipl.-Ing. Clemens Belke vom Bundesverband GebäudeGrün stellte die wandgebundene Begrünung als zentrales Element einer aktiven Gebäudehülle vor. Unter dem Credo „Lasst die Fassade grünen“ zeigte er die vielfältigen Einsatzmöglichkeiten sowie die gute Kombinierbarkeit mit vorgehängten hinterlüfteten Fassaden (VHF).

Multispeziesfassaden und textile Fassaden

Der zunehmende Verlust von Nist- und Rückzugsräumen in dicht bebauten Städten stellt neue Anforderungen an die Gebäudehülle. Vor diesem Hintergrund zeigte Julia Larikova von der TU München, wie sich Fassaden gezielt als Lebensraum für Vögel und Insekten weiterentwickeln lassen. Im Zentrum ihrer Forschung stehen sogenannte Multispeziesfassaden, die digitale Planung mit additiver Fertigung verbinden: 3D-gedruckte keramische Elemente schaffen integrierte Habitate und wirken zugleich mikroklimatisch. Ein Pilotprojekt befindet sich derzeit in München in Planung.

Wie sich Fassadenflächen von Bestandsgebäuden vor allem in Innenstädten aktiv für die Klimaanpassung nutzen lassen, stand im Zentrum des Beitrags von Prof. Dr.-Ing. Christina Eisenbarth von der TU Darmstadt. Mit „HydroSkin“ präsentierte sie ein textiles Fassadensystem, das Regenwasser aufnimmt, speichert und gezielt zur Kühlung oder Versorgung des Gebäudes einsetzt. Damit wird die Fassade zu einem aktiven Baustein im Umgang mit Hitze und Starkregen – an der Schnittstelle von Klimaschutz und Klimafolgenanpassung. Ein Prototyp des Systems ist bereits am Demonstrator-Hochhaus D1244 in Stuttgart umgesetzt und befindet sich im Test.

Neue Wege für kreislaufgerechtes Bauen

Prof. Dr.-Ing. Lucio Blandini, Leiter des Instituts für Leichtbau, Entwerfen und Konstruieren (ILEK) an der Universität Stuttgart, stellte die Frage, wie künftig ressourcen-, klima- und kreislaufgerecht gebaut werden kann. Dabei zeigte er, welche Rolle Leichtbau-Prinzipien insbesondere für die Gebäudehülle spielen – mit dem Ziel, Materialeinsatz und Energiebedarf nachhaltig zu reduzieren. Sein Ansatz verbindet materialübergreifende Forschung eng mit der baulichen Praxis. Anhand internationaler Projekte wie dem Al Wasl Tower in Dubai verdeutlichte er, wie parametrisch entwickelte Fassaden, integrierte Verschattungssysteme und konstruktive Lösungen auf komplexe Anforderungen wie Sonnenschutz oder hohe Windlasten reagieren.

Im Mittelpunkt des Vortrags von Dr.-Ing. Boris Reyher, Managing Director bei schlaich bergermann partner, stand der Einsatz von Infraleichtbeton als tragendes und zugleich wärmedämmendes Material, das monolithische Konstruktionen mit reduzierten Schichtaufbauten ermöglicht. Neben Ressourceneffizienz und bauphysikalischen Vorteilen bietet Infraleichtbeton auch Potenziale für Rückbau und Recycling, etwa durch die Trennbarkeit von Beton und Bewehrung.

Gelebte Fassadenbau-Praxis

Einblicke in aktuelle Entwicklungen der Glasfassadenforschung gab Prof. Dr.-Ing. Michael Engelmann (TU Dresden). Unter dem Titel „Die vier Elemente“ strukturierte er zentrale Themenfelder: Die Dekarbonisierung der Glasherstellung durch den Einsatz alternativer Brennstoffe und Recyclingmaterialien (Erde), optimierte Wärmeschutzsysteme durch Gasfüllungen (Luft) sowie fluidbasierte Konzepte im Scheibenzwischenraum (Wasser). Ergänzt wurden diese Ansätze durch Aspekte wie Glasverbünde und Feuerwiderstandsklassen (Feuer).

Zum Abschluss stellte Susanne Di Iulio, Regional Director beim Fassadenbauunternehmen Staticus, ausgewählte internationale Fassadenprojekte vor. Gezeigt wurde unter anderem das Büro- und Geschäftshochhaus VIA Vika in Oslo – realisiert mit einer Closed-Cavity-Fassade von Wicona. Zur Sanierung des Bürokomplexes „One Exchange Square“ erläuterte sie das Konzept zum Weiterbauen im Bestand und zeigte auf, wie vormals verbaute Fassadenmaterialien wiederverwertet werden.

Im Anschluss an das Fachprogramm nutzten die Teilnehmenden die Gelegenheit, sich im Next Studio direkt mit Referenten und Branchenkollegen auszutauschen und die Themen in persönlichen Gesprächen zu vertiefen. Wer die Veranstaltung verpasst hat oder einzelne Beiträge noch einmal ansehen möchte, kann den Fachdialog als vollständigen Mitschnitt auf YouTube über diesen Link abrufen.

Auf die Homepage des Next Studios geht es hier entlang.

 

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