23. Juni 2026

Gebäudesicherheit weiter gedacht

bb-Nachbericht: Fachforum Gebäudesicherheit im Next Studio

V.l.: Christoph Wyler, Dr. Johannes Schneider, Oliver Sommer, Tino Niemz, Patrick Coppée, Christian Pfänder, Matthias Demmel, Rudi Scheuermann und Christian Mettlach. Foto: Wicona / Mediashots

Gebäudesicherheit wird zunehmend zu einer integralen Planungsaufgabe. Welche Anforderungen daraus für Gebäudehüllen entstehen, präsentierten Experten aus Forschung, Planung, Prüfinstituten, Fassadenbau und Industrie beim Fachforum Gebäudesicherheit im Next Studio in Frankfurt.

Wie Städte ihre Gebäude auf Krisen und Extremereignisse vorbereiten können, zeigte Rudi Scheuermann, Fellow beim international tätigen Beratungsunternehmen Arup, zum Auftakt des von Christian Mettlach (Wicona) moderierten Fachforums. Im Mittelpunkt stand der im Auftrag des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) entwickelte „Stresstest für Städte“, mit dem Kommunen ihre Widerstandsfähigkeit gegenüber Risiken wie Starkregen, Hitzebelastung, Energiekrisen oder Cyberangriffen bewerten können. Gebäudesicherheit bedeute auch, außergewöhnliche Ereignisse wie Stürme, Explosionen oder terroristische Anschläge zu berücksichtigen. Entscheidend sei die Fähigkeit, Schäden zu begrenzen, Funktionen aufrechtzuerhalten und aus Ereignissen zu lernen.

Explosionsschutz in der Planung

Dr. Johannes Schneider vom Fraunhofer-Institut EMI erläuterte, wie sich Explosionsrisiken systematisch analysieren und geeignete Schutzmaßnahmen für Gebäude und kritische Infrastrukturen ableiten lassen. Im Mittelpunkt standen quantitative Risikoanalysen sowie die unterschiedlichen Reaktionen von Bauteilen auf Nah- und Fernfeldbelastungen. Entscheidend seien eine frühzeitige Definition von Schutzzielen, die Berücksichtigung möglicher Bedrohungen und das Zusammenspiel von Ingenieurmethoden, Simulationen und experimentellen Prüfungen. „So lassen sich Schutzmaßnahmen gezielt auf das jeweilige Belastungsszenario und Verhalten der Bauteile abstimmen“, erklärte der Referent.

Einbruchschutz für höchste Widerstandsklassen

Welche Anforderungen Fenster, Türen und Fassaden heute erfüllen müssen, um gezielten Einbruchsversuchen standzuhalten, erläuterte Matthias Demmel vom Prüfzentrum für Bauelemente (PfB) Rosenheim. Anhand der DIN EN 1627 ff. stellte er die Widerstandsklassen RC4 bis RC6 vor, die sich an den Vorgehensweisen von Tätern und eingesetzten Werkzeugen orientieren. Anhand konkreter Prüfbeispiele verdeutlichte der Experte, wie Fassadenelemente unter statischen und dynamischen Belastungen sowie in manuellen Einbruchversuchen bewertet werden. Ein Fokus lag auf dem Zusammenspiel von Sicherheitsverglasungen nach EN 356, Beschlägen und Verriegelungen, die zur Erreichung hoher Widerstandsklassen bis RC6 entscheidend sind.

RC4-Stulpfenster für den Denkmalschutz

Zum Start des zweiten Teils stellte Christian Pfänder (Anwendungstechnik Wicona) relevante Wicona Fenster-, Tür- und Fassadensysteme vor und zeigte, wie Widerstandsklassen bis RC3 durch die optimale Kombination von Verglasungen, Verriegelungen und weiteren Sicherheitskomponenten realisiert werden können.

Einen praxisnahen Einblick in die Entwicklung einer maßgeschneiderten Sicherheitslösung gab Christoph Wyler von der SWM Metallbautechnik AG aus der Schweiz. Anhand eines Sanierungsprojekts stellte er das mit Wicona entwickelte RC4-Stulpfenster „Forte“ vor. Für das denkmalgeschützte Gebäude galt es, höchste Sicherheitsanforderungen mit Energieeffizienz und einer filigranen, identischen Optik von RC3- und RC4-Elementen zu verbinden – eine Lösung, die am Markt bis dato nicht verfügbar war. Das zweiflügelige System mit Alarmglas, verklebter Verglasung und angepasster Profilkonstruktion hat die RC4-Prüfung erfolgreich bestanden.

Hochsicherheitstechnik für kritische Infrastrukturen

Oliver Sommer (Sommer Fassadensysteme – Stahlbau – Sicherheitstechnik) gab anhand internationaler Großprojekte der Nuklear- und Energietechnik wie Olkiluoto 3 in Finnland oder Iter in Frankreich einen beeindruckenden Überblick zur Hochsicherheitstechnik. Dort müssen Türen und Fassadensysteme nicht nur Brand- oder Einbruchschutz gewährleisten, sondern auch Anforderungen an Luftdichtheit, Strahlenschutz, Druckwellenhemmung sowie den Schutz vor Erdbeben oder Flugzeugabstürzen erfüllen. Die dazu erforderlichen Sicherheitslösungen bewegen sich in außergewöhnlichen Dimensionen: Türsysteme widerstehen Druckwellen bis 35 kPa, während einzelne Reaktortüren bis zu 400 Tonnen wiegen. Ergänzend dazu stellte Tino Niemz – ebenfalls Sommer – anhand anschaulicher Prüfungs-Videos aktuelle Entwicklungen bei druckwellenhemmenden Fassaden vor – darunter spezielle Systeme zur gezielten Absorption von Explosionsdruck.

Zwischen Transparenz und Schutz

Den Schlusspunkt setzte Patrick Coppée von Silatec Sicherheits- und Laminatglastechnik. „Wir bauen Mauern aus Glas“, brachte er den unternehmenseigenen Anspruch auf den Punkt. Vorgestellt wurden Lösungen für Juweliere, Banken, Museen und hochwertige Wohngebäude, darunter einbruchhemmende Gläser bis zur Klasse P8B sowie beschusshemmende Systeme auf Basis von Verbundsicherheitsglas und Polycarbonat. „Angesichts aggressiver Einbruchsmethoden wie Fahrzeugattacken auf Schaufenster gewinnen diese transparenten Schutzlösungen immer an Bedeutung“, so der Referent.

Die Beiträge verdeutlichten eindrucksvoll, dass die Gebäudesicherheit zunehmend zu einem festen Bestandteil zeitgemäßer Planung wird und neue Anforderungen an Planer, Fassadenbauer und weitere beteiligte Gewerke stellt. Beim anschließenden Get-together setzten die Teilnehmer den fachlichen Austausch in entspannter Atmosphäre fort und nutzten die Gelegenheit zum Networking mit Referenten, Branchenkollegen und den Partnern des Next Studios.

Mehr zum Next Studio in Frankfurt am Main gibt’s über diesen Link.

Die Homepage von Wicona können Sie über diesen Link aufrufen.

 

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